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Hafturlaub

Der 29.9.00, der eigentlich mit Englisch beginnen sollte, begann im Zug Richtung Frankreich. Abfahrt 6.03 in Erstfeld. Draußen war es noch fast Nacht, doch bei uns im Zug herrschte schon jetzt Stimmung. Vor allem die vergessene Identitätskarte von unserer lieben Sarah sorgte für allgemeine Erheiterung.

Unsere Hafturlaubsreise führte uns in den Süden von Frankreich, genauer gesagt nach Colombiers. Dort konnten wir ab 16.00 unsere drei Boote entgegennehmen, mit denen wir uns auf den Canal du Midi wagten, um dort eine Woche mit Gefängniskameraden, Wasser, Wetter und Schleusen zu verbringen. Gespannt? Ja und wie! Ungeübte Matrosen betreten Neuland oder so ähnlich.

Der Zug führte uns nach mehr oder weniger anstrengenden 12 Stunden nach Beziers, Endstation. Ein Taxi brachte uns nach Colombiers, bei rot über die Ampel und ein Französisch,
das wir uns so nicht vorgestellt hatten, waren die ersten Überraschungen, die uns bleiben werden.

Drei Boote, 16 Gefangene und zwei Bewährungshelfer, Mauro Latzel und Réne Crisovan waren sich mehr oder weniger einig mit uns diese Woche zu (über)erleben. Zum Abschluß dieses langen Abends haben wir uns dort im kleinen Hafen ein Abendessen gegönnt.

Das Essen in Frankreich sei doch so gut, oder? Irgend etwas haben wir falsch gemacht und Mauro meinte zu seinem Schnitzel mit Pilzen nur: „Das Huähn het ez au nu vil Pilz gfrässä!“

Am nächsten Morgen gings los. Gut Anker und ab auf den Canal, schon nach den ersten paar Metern kam das erste Tunnel, für uns Anfänger eine Prüfung, die mehr oder weniger gut überstanden wurde. Einige brachten es fertig vor dem Tunnel quer zu stehen, doch solange niemand über Bord ging, konnte das kein ernsthaftes Problem sein.

Zum über Bord gehen: dreckiges, braunes, miefendes und im Verlauf der Woche zum allgemeinen Abfall-eimer gewordenes Wasser. Ja war das überhaupt noch Wasser? Nicht genau definierbar, aber solange wir und unser Boot oberhalb der Brühe blieben, war diese Frage nicht relevant.

Die erste Etappe hatte keine Schleusen aufzuweisen und somit fuhren wir gemütlich mit ca. 8 km/h zu unserem ersten Ziel, nach Le Somail. Dort sollten am nächsten Tag auch noch die letzten drei von uns dazu stoßen, so daß wir dann endgültig vollzählig waren. Tja, Le Somail, zu beschreiben etwa so: Eine kleine Brücke, ein Chapeau Museum, das weit und breit nicht zu finden war, eine Bücherei, ein Supermarkt (wohl-verstanden 3 km entfernt), eine Pizzeria und ein von Efeu überwuchertes Haus, das sich noch als nützlich erweisen sollte. Wir legten an und übernach-teten in diesem „pittoresken“ Dörfchen. In dieser Nacht ver-schliefen wir mehr oder weniger unseren einzigen Sturm auf hoher See.

Am nächsten Morgen ging zwar der Wind immer noch und auch der Regen hatte noch nicht ganz nachgelassen, aber im Verlauf des Tages wurde es wieder wunderschön und wir konnten den vorge-sehen Ausflug nach Narbonne doch noch machen. Hier kam das von Efeu überwucherte Haus wieder zum Zug. Das Ehepaar, das dieses kleine Hotel leitete, war bereit uns nach Narbonne, etwa 15 Fahrminuten entfernt, zu chauffieren. Dort wurden wir schon fast magisch vom McDonalds angezogen und gingen diesem Drang ohne zu zögern auch nach.

Wir spazierten über den Markt, schauten uns eine alte Kirche an und genossen das schöne Wetter und das, im Vergleich mit dem Boot, luxuriöse WC. Müde wieder zurück in Le Somail, fuhren wir mit dem Schiff zu einer kleinen Anlegestelle um dort den Wassertank zu füllen und uns eine kleine Dusche zu gönnen, die sicher nicht schadete. Am Abend empfingen wir unsere drei sehnlichst erwarteten Klassenkameraden in Le Somail, mit denen aus lauter Müdigkeit nicht mehr viel anzufangen war (Oder existierten da auch noch andere Gründe?).

Der nächste Tag führte uns nun vollzählig Richtung Carcassone. Die von uns mit Spannung erwarteten Schleusen gaben dann auch einiges zu tun. Korrekt hineinfahren, das Schiff mit den Tauen festmachen und bei manuellen Schleusen kam noch das Kurbeln dazu. Die Zeit fürs „Tschauseppen“ und für unsere Überholmanöver auf dem Kanal wurde immer knapper, da die Distanz zwischen den einzelnen Schleusen immer kürzer wurde. Carcassone schon an diesem Tag zu erreichen, war unmöglich, so verbrachten zwei von unseren Booten die Nacht ganz nah vor einer Schleuse um am Morgen, so um halb acht, die ersten zu sein. Das dritte Boot von uns hatte genau diese eine Schleuse noch am Abend davor gemeistert und verbrachte so die Nacht alleine unter den Bäumen, die rechts und links den Kanal säumten.

Am nächsten Morgen ging es also schon früh los und das Ziel Carcassone erreichten wir so am späten Nachmittag. Wieder einmal in die Landzivilisation zurückzukehren war ein gutes Gefühl und so begaben wir uns ganz nach Lust und Laune auf Entdeckungsreise. Am Abend war Ausgang angesagt, der für die Einen bis in die frühen Morgenstunden dauerte.

Es war ein gewöhnlicher Wochentag und die Stadt war darum auch nicht gerade in Partystimmung, doch unsere gute Laune war dadurch nicht wirklich zu dämpfen. Am nächsten schönen Morgen, der für uns alle definitiv zu früh begann, hieß es schon wieder Aufbruch. Die Morgenstimmung war wirklich schön und das vermochte auch eine vorbeischwimmende Riesenratte nicht zu ändern. Kein Zweifel, wer freiwillig in diesem Kanal einen Schwimmmarathon abgelegt hätte, wäre ins Guiness Buch der Rekorde gekommen, aber für das fehlte uns allen dann doch der nötige Ehrgeiz.

Unser zweitletztes Etappenziel war eigentlich Castelnaudry, ein kleines Städtchen, nahe von unserem Schlussziel. Doch wir blieben dann wieder einmal vor einer Schleuse hängen, da es für drei Boote nicht immer gerade einfach war zusammenzubleiben und wenn die Trennung bei einer Vierfachschleuse stattfand, war dies nicht mehr aufzuholen. Die Einen von uns liefen noch zwei Kilometer nach Castelnaudry um den „großstädtischen“ Ausgang zu genießen während die andern einen gemütlichen Abend in den Hausbooten verbrachten. Trotz der Autobahnbrücke fast direkt über uns schliefen wir gut und fest um dann am 6.10.00 den Schlussspurt auf uns zu nehmen.

Das Ziel, Le Segala, erwartete uns schon sehnlichst und begrüßte uns mit Regen. Es war ein kleines, ver-schlafenes Nest und somit war es nicht verwunderlich, daß das Taxi an unserem Abreisetag 30 Minuten zu spät kam. Der eigentliche Grund dafür wurde uns dann aber erst bewußt, als wir mit dem Taxi zurück nach Castelnaudry fuhren um dort den Zug Richtung Heimat zu nehmen. 12 km in fünf Minuten war eine absolute Meisterleistung, für die Franzosen schien es zum Alltag zu gehören mit 140 km/h im Regen über eine Straße zu rasen, die in der Schweiz schon lange zum Sanieren frei gegeben worden wäre.

Heil angekommen (hatten wir etwa Zweifel?) schnappten wir uns den Zug und nach überaus anstrengenden, schon fast unerträglichen 14 Stunden lag der Bristen genau vor uns. Das Urnerland nahm uns mit Kusshänden zurück in der Hoffnung, daß wir niemals auf die Idee kommen auf dem Urnersee Schiffchen zu fahren. Doch so etwas Abstruses käme uns doch nie in den Sinn!

Was, wieso niä i Sinn cho, was, chumä nit nachä??????

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