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Welche Bedeutung hat das Fahrwerk
bei der Entwicklung eines BMW M Fahrzeugs?
Eine Maxime der Fahrwerksentwicklung lautet: Ein M Fahrwerk
muss immer schneller sein als der dazugehörige Motor. Es
gibt bei BMW M einen sportlichen Wettbewerb zwischen den Fahrwerks-
und den Motor-Ingenieuren. Das Entwicklungsziel unserer Motor-Ingenieure
ist ein Maximum an Motorleistung. Wir sorgen dann dafür,
dass
diese Kraft auch auf die Straße kommt. Der Fahrer will
verständlicherweise nicht nur ein Maximum an Motor-leistung,
sondern auch ein perfekt abgestimmtes Fahrwerk.
Wir gestalten alle M Fahrwerke so, dass der Fahrer meint, das
Fahrwerk sei imstande, mühelos eine noch weit größere
Motorleistung zu verkraften. Unser Ziel bei der Fahrwerksentwicklung
ist klar: Das Fahrwerk soll präzise und "responsive"
sein. Im Deutschen gibt es eigentlich kein Wort, das die Bedeutung
von "responsive" richtig trifft. Gemeint ist zum einen
die gute Rückmeldung, die der Fahrer vom Fahrwerk erhält,
und zum anderen meint "responsive" auch präzise
und schnell, agil.
Was zeichnet ein BMW M Fahrwerk
aus?
Entscheidend für den Erfolg
von BMW M ist die gute Basis: das Heckantriebskonzept von BMW.
Der Umstand, dass die Vorderachse die Lenkfunktion und nicht
die Antriebsfunktion übernimmt, vermittelt mehr Fahrfreude
und Faszination. Die Vorderachse lenkt, die Hinterachse schiebt
an - das ist die perfekte Aufteilung. Wir bei
BMW M entwickeln darauf aufbauend eine spezielle Sorte von BMW,
die BMW M Fahrzeuge. Unsere Hochlei-stungsmotoren stellen ganz
besondere Ansprüche an das Fahrwerk, um Sportlichkeit und
Alltagstauglichkeit perfekt miteinander zu verbinden.
Wir bewegen uns mit den BMW M Fahrzeugen in einem außergewöhnlichen
Geschwindigkeits- und Querbe-schleunigungsbereich. Das Fahrzeug
muss in jeder Situation kalkulierbar und beherrschbar bleiben.
Wir ent-wickeln keine Regelsysteme, die ein latentes technisches
Problem einfach ausblenden. Ein Regelsystem wird von
uns erst dann ausgearbeitet, wenn das Grundfahrzeug hervorragend
funktioniert. Die Basis muss stimmen, anschließend entwickeln
wir das Regelsystem als zusätzliche Komponente für
noch mehr Komfort und Sicher-heit.
Mit welchem Ziel beginnen Sie die
Fahrwerksentwicklung eines neuen BMW M Fahrzeugs?
Unsere Aufgabe ist es, das schon gut entwickelte Rückmeldungssystem
der BMW Serienfahrzeuge auf das Niveau eines reinrassigen Sportwagens
zu bringen und gleichzeitig hohen Komfort und absolute Alltagstaug-lichkeit
zu gewährleisten. Dieses Ziel ist besonders anspruchsvoll
für die Abstimmung eines BMW M Fahrwerks. Es wäre
leicht, ein Auto so abzustimmen, dass es narrensicher ist, dann
aber überhaupt keine Fahrfreude mehr vermittelt. Das wollen
wir natürlich nicht. Bei der täglichen Fahrt zur Arbeit
muss ein M Automobil perfekt und zuverlässig funktionieren,
gleichzeitig muss es aber auch ein Höchstmaß an Sportlichkeit
und Agilität bieten.
Was ist denn entscheidend für
die Feinabstimmung eines BMW M Fahrwerks?
Entscheidend bei der Arbeit ist das Zusammenspiel aller Komponenten.
Das fängt an mit einer sorgfältigen Entwicklung der
Reifen, die einen sicheren Kontakt zur Fahrbahn herstellen.
Dann geht es über die Achsteile und die Rohkarosse bis
hin zu den Sitzen und dem Lenkrad, bei deren Entwicklung wir
Fahrwerksingenieure auch
beteiligt sind. Besonders eng verzahnt ist die Fahrwerksentwicklung
mit der Gestaltung der Karosserie, denn die Anbindung der Fahrwerksteile
an die Karosserie ist ein entscheidender Faktor, wenn man sich
auf sehr hohem fahrdynamischem Niveau bewegt. Nur die sorgfältige
Abstimmung der Bauteilelastizitäten garantiert den
optimalen Kompromiss für Fahrdynamik und Komfort. Das ist
das, was die Fahrzeugentwicklung bei BMW M auszeichnet, der
enge Abgleich zwischen Motor, Karosserie und Fahrwerksentwicklung
in einem sehr gut
überschaubaren Team von hochmotivierten Entwicklungsingenieuren.
Auf welcher Basis wurde das Fahrwerk des neuen M3 entwickelt?
Ausgangsbasis war das Vorgängermodell, aber der neue M3
ist natürlich eine eigenständige Entwicklung mit einer
Fülle von signifikanten Neuerungen. Wir haben beispielsweise
die Vorderachse durch ein optimiertes Schubfeld und durch eine
Neukonstruktion des Federbeinstützlagers präziser
an die Karosserie angebunden.
Die gleiche Funktion übernehmen zwei zusätzliche Versteifungsstreben
zwischen Hinterachse und Karosserie. Das Zusammenspiel von Fahrwerk
und Karosserie im neuen M3 wurde so noch einmal deutlich verbessert.
Dies war nicht einfach, denn der Vorgänger ist ja bereits
ein exzellentes Auto mit einem weltweit hervorragenden
Image. In den USA erhielt der letzte M3 von der Zeitschrift
"Car and Driver" die Auszeichnung "Best-Handling
Car".
Der neue M3 ist größer
und schwerer als sein Vorgänger. Welche Konsequenzen hatte
dies für die Fahrwerksentwicklung?
Ich denke, dass es uns gelungen ist, die Agilität, das
Lenkverhalten und das Rückmeldungsverhalten des Vorgängers
noch einmal deutlich zu verbessern. Dies haben wir einerseits
durch die bereits erwähnte verbes-serte Anbindung des Fahrwerks
an die Karosserie erreicht. Die größere Bereifung
und Spurweite in Kombination mit einer sehr sorgfältigen
Feder- und Dämpferabstimmung und geringen ungefederten
Massen erzeugt eine Präzision und Agilität im Fahrverhalten,
die in dieser Klasse ihresgleichen suchen.
Wie wurden die Winterfahreigenschaften
und die Traktion des neuen M3 verbessert?
Mit dem Vorurteil, ein Heckantrieb-Auto habe auf glattem Untergrund
Nachteile, räumt der neue M3 gründlich auf. Wir haben
eine Achslastverteilung entwickelt, die viel Gewicht auf die
Hinterachse bringt und zum Beispiel die Batterie sehr tief und
im Bereich der Hinterachse platziert. Und wir haben das bewährte
BMW
Fahrwerkregelsystem DSC an den M3 adaptiert, das sehr gute Winterfahreigenschaften
garantiert. Ein absolutes Technik-Highlight im neuen M3 ist
die neue Variable M Differenzialsperre, die ein großes
Traktions-Plus gegen- über
herkömmlichen Differenzialsperren bringt. Der M3 kann durch
sie bezüglich Traktion ohne Probleme mit Fahrzeugen konkurrieren,
die mit Heckmotor oder Mittelmotor ausgestattet sind.
Was ist denn das Besondere an der
Variablen M Differenzialsperre?
Bei der Entwicklung der Variablen M Differenzialsperre war es
uns besonders wichtig, den optimalen Kompro-miss zwischen Traktionsvermögen
und Fahrsicherheit und verhalten zu finden. Bisher wurden
bei M Fahr-zeugen drehmomentfühlende Selbstsperrdifferenziale
mit einem Sperrwert von bis zu 25% und einem konstanten Grundsperrmoment
eingesetzt.
Zur Erklärung: Die
beiden Antriebsräder eines Autos legen bei Kurvenfahrt
unterschiedlich lange Wege zurück - das kurveninnere Rad
benötigt nicht so viel Weg wie das kurvenäußere
Rad. Diesen Unterschied gleicht das Achsdifferenzial aus. Eine
Differenzialsperre baut bei Bedarf ein Sperrmoment auf, dann
etwa, wenn eines der beiden Antriebsräder durchzudrehen
droht, zum Beispiel auf rutschigem Untergrund. Die Differenzialsperre
wird von sportlichen Fahrern sehr geschätzt, weil sie hilft,
die positiven Eigenschaften des Heckantriebs vor allem bei sportlicher
Fahrweise und auf Straßen mit durchschnittlichem bis hohem
Reibwert darzustellen. Bei drehmo-mentfühlenden Differenzialsperren
richtet sich das insgesamt übertragbare Antriebsmoment
nach dem Moment, welches das Rad auf dem niedrigeren Reibwert
übertragen kann. Ist der Reibwert jedoch sehr niedrig,
bei-spielsweise auf Schnee, Schotter oder gar blankem Eis, dann
sind die Traktionsvorteile mit diesem herkömm-lichen Sperrenkonzept
wegen des begrenzten so genannten Abstützmoments allerdings
begrenzt. Deshalb entwickelten wir gemeinsam mit der GKN Viscodrive
GmbH für den neuen M3 ein ganz neues System, die Variable
M Differenzialsperre. Diese Sperre ist in der Lage, selbst bei
sehr anspruchsvollen Fahrsituationen, also auch bei extremunterschiedlichen
Reibwerten an den Antriebsrädern, einen entscheidenden
Traktionsvorteil zu liefern. Ein weiterer Vorteil der Variablen
M Differenzialsperre besteht darin, dass bei steigender Differenz-drehzahl
zwischen den Antriebsrädern sofort auch ein steigendes
Sperrmoment aufgebaut wird. Damit kann ein entlastetes Rad,
etwa das kurveninnere Ra bei forcierter Passfahrt, nicht mehr
dazu führen, dass das Antriebsmoment völlig "einbricht",
der Vortrieb bleibt also stets erhalten.
Die Variable M Differenzialsperre
funktioniert nach folgendem Prinzip: Die Differenzdrehzahl,
die zwischen den Antriebsrädern entsteht, wenn ein Antriebsrad
entlastet wird bzw. auf einer sehr glatten Fahrbahn läuft,
erzeugt in einer integrierten Scherpumpe spontan Druck. Dieser
Druck wird über einen Kolben auf eine Lamellen-kupplung
weitergegeben, wodurch - abhängig von der Drehzahldifferenz
- ein Antriebsmoment auf das besser greifende Rad übertragen
wird. Im Extremfall kann das gesamte Antriebsmoment, sofern
es der Reibwert zulässt, über das Rad auf der Fahrbahn
mit dem besseren Reibwert übertragen werden. Nimmt die
Differenz-drehzahl zwischen den beiden Rädern wieder ab,
reduziert sich zwangsläufig auch der Pumpendruck, und das
Sperrmoment lässt entsprechend nach. Dieses selbstregelnde
Pumpensystem ist wartungsfrei und mit hochvis-kosem Silikonöl
gefüllt.
Der Vorteil für den M3 Fahrer liegt darin, dass er mit
seinem Auto auf einem Untergrund, der sehr unterschied-liche
Reibwerte für die beiden Antriebsräder bietet, wesentlich
besser anfahren kann, da er nun über mehr Traktion verfügt.
Außerdem verbessert die Variable M Differenzialsperre
auch fühlbar Handling und Fahrstabilität - ein zusätzlicher
Gewinn an Sicherheit und Fahrfreude.
Was sind die entscheidenden Qualitätsmerkmale der Fahrwerksentwicklung
bei BMW M?
Entscheidend bei der Entwicklung ist, dass die verschiedenen
Disziplinen und Aktivitäten hochparallel ablaufen. Die
Teams beginnen fast alle zur gleichen Zeit. Es gibt zu bestimmten
Zeiten so genannte Synchronisierungs-punkte, an denen alle zusammenkommen
und ihre Arbeit miteinander abgleichen. Zwischen Motor, Karosserie,
Fahrwerk und Design werden alle Punkte gezielt abgestimmt. Von
Vorteil ist auch hier, dass wir eine kleine, schlagkräftige
und schnelle Truppe sind, die sehr zielgerichtet und effizient
zusammenarbeitet.
Welche Vorteile hat die größere
Spurweite des M3?
Das ist ein Punkt, in dem wir sehr konsequent vorgegangen sind.
Die Spurverbreiterung vorne und hinten hat auch eine Karosserieverbreiterung
notwendig gemacht. Das kostet sehr viel Geld, bringt aber auch
sehr viel, denn es ermöglicht ein höheres Querbeschleunigungsniveau.
Die Agilität wird ebenfalls verbessert. Das Verhält-nis
zwischen Radstand und Spurbreite entscheidet auch, wie spontan
ein Auto einlenkt. Dazu kommt noch die verbesserte Wankabstützung
über die größere Spurbreite. Es bieten sich
also gleich eine ganze Reihe von Vor-teilen. Das Fahrverhalten
ist rundum einfach agiler.
Was leistet die M Fahrdynamik Control? Und wie funktioniert
sie?
Das ist unser Sportschalter, wenn man so will. Wie Sie wissen,
geschieht ja bei unseren Fahrzeugen die Über-tragung des
Signals vom Gaspedal zum Motor nicht mehr über einen Seilzug,
sondern über einen elektronischen Impuls.
Die
Elektronische Drosselklappenregelung, kurz EDR genannt.
Genau. Bei Betätigung des Schalters an der Mittelkonsole
ist die Übertragung vom Gasfuß zum Motor noch direk-ter,
als das im Normalbetrieb der Fall ist. Ein Sensor misst den
Winkel des Gaspedals. Der Motor erhält das Signal und stellt
einen bestimmten Drosselklappenwinkel in einer bestimmten Geschwindigkeit
ein. In dem Mo-ment, in dem Sie auf die Sporttaste
drücken, spricht der Motor noch schneller an, das heißt,
der Motor dreht noch spontaner hoch.
Warum stellt man das System nicht generell sportlicher ein?
Im Stadtverkehr oder im Winter, wenn es rutschig ist und die
Fahrbahn nass, fährt man im normalen Modus wunderbar. Man
kann dann den spontanen Sportmotor des M3 sehr feinfühlig
dosieren. Aber wenn Sie mit einem M3 mal auf die Rennstrecke
gehen oder ein anspruchsvolles Stück Landstraße vor
Ihnen liegt, dann ist natürlich das noch spontanere Ansprechverhalten
des hochdrehenden M3 Motors ein zusätzlicher Gewinn an
Fahrfreude. Der Sportschalter wird zum Spaßschalter.
Was leistet die Dynamische Stabilitäts
Control DSC?
Ein Fahrdynamikregler berechnet aus mehreren Sensorsignalen
eine Referenzgeschwindigkeit für jedes Rad. Sobald ein
Rad schneller dreht als die berechnete Referenzgeschwindigkeit,
erkennt das DSC-System den Rad-schlupf und greift ein. Es reduziert
zunächst das Drehmoment des Motors und bremst bei Bedarf,
je nach Fahr-zustand, individuell einzelne Räder ab, um
das Fahrzeug wieder in einen stabilen Fahrzustand zu bringen.
Wenn wieder ein stabiler Fahrzustand erreicht ist, wird das
Motordrehmoment wieder erhöht. Je schneller und fein-fühliger
dieser Regelvorgang ist, desto mehr Vortrieb haben Sie natürlich.
Und desto schneller können Sie dann auch in diesen Regelzuständen
sehr nah an der Kraftschlussgrenze fahren. Die elektronische
Drosselklappen-regelung (EDR) und die spontane Einzeldrosselklappeneinspritzung
des Motors ermöglichen die hohe Regelgüte des M3.
Welche Vorteile bietet die Compound-Bremse?
Die Compound-Bremsen besitzen eine hohe Festigkeit und Langlebigkeit
und sind vor allen Dingen leichter. Es ist wichtig, dass man
Bremsscheiben, Räder und alles, was sich dreht, möglichst
leicht hält. Hinzu kommt, dass sie auch bei starker Belastung
sehr fadingstabil sind und auch bei forciertem Einsatz nicht
zum "Bremsrubbeln" neigen. Der Reibring besteht aus
bewährtem Gusseisen und hat eine große Wärmeaufnahmekapazität.
Der Befestigungstopf besteht aus hochfestem Aluminium. Edelstahlstifte
verbinden den Befestigungstopf radial gleitend mit dem Gussring.
Dadurch werden im Reibring hohe Spannungen beim Bremsen vermieden.
Der Reib-ring kann sich auf den Stiften radial ausdehnen, wenn
er heiß wird. Dadurch werden Schirmeffekte vermieden,
wie man das von heißen Herdplatten kennt.
Früher gab es diese Kohleöfen
mit nur einem Ring, der sich bei Befeuerung wölbte. Deshalb
hat man verschie-dene Ringe mit Spiel ineinander gelegt, dann
blieb alles schön eben. Bei unserer Compound- Bremsscheibe
ist das im Prinzip ähnlich.
In
welche Phasen lässt sich die Entwicklung des Fahrwerks
unterteilen?
Es beginnt mit der theoretischen
Auslegung der Bauteile, mit der Simulation am Computer, dem
Computer Aided Design (CAD). Dann werden die verschiedenen Bauteile
im CAD virtuell zusammengesetzt. Diesen Schritt bezeichnet man
als geometrische Integration. Man prüft, ob alle Komponenten
zusammenpassen.
Danach werden einzelne Komponenten bereits in Fahrzeuge eingebaut
und erprobt. Wir erproben die Kompo-nenten schon zu einem frühen
Zeitpunkt im Fahrzeug, unter realen Bedingungen. Es wäre
undenkbar, dass wir uns lediglich auf Computersimulationen verlassen.
Entscheidend ist die Erprobung im Fahrzeug, in der Realität.
Dort kommt die Erfahrung unserer Versuchsingenieure zum Tragen.
Durch die intensive Erprobung im Fahrzeug bekommt die Entwicklung
von Anfang an viel mehr Sicherheit. Und wir meinen auch, dass
man dadurch letzt-endlich zu einem besseren Ergebnis, einem
besseren Abstimmkompromiss kommt.
In welchem Maße kommt das
computerunterstützte Design bei Ihnen zum Einsatz?
Mit dem CAD kann man hervorragend untersuchen, ob sich ein Teil
einbauen und auch wieder ausbauen lässt. Der Ausbau ist
wichtig für die Händler, die Reparatur, den Service.
Ebenso wichtig ist der Einbau im Werk. Das heißt, wir
bilden parallel zum Entwicklungsprozess den Fertigungsprozess
im Werk digital ab. Es wird dann ab-geglichen, ob diese Teile
sich auch alle mit den Werkzeugen, die im Werk vorliegen, montieren
lassen. Das ist eine anspruchsvolle Arbeit.
Mit dem CAD-System können
Bauteiländerungen sehr schnell durchgeführt werden.
Die Prozesskette vom ersten konstruktiven Entwurf bis zum ersten
Versuchsteil vom Lieferanten wurde durch den Einsatz von CAD
erheblich verkürzt, da unsere Entwicklungspartner inzwischen
auch alle mit unserem einheitlichen CAD-System arbeiten. Eine
leistungsstarke Vernetzung aller Prozesspartner sorgt für
schnellen Datenaustausch.
Wie
fließen denn die Erkenntnisse aus diesen Tests in die
weitere Entwicklung ein?
Im Anschluss an die virtuelle Phase kommen schon die ersten
für das neue Fahrzeug entwickelten Versuchs-muster. Bei
der ersten Fahrzeuggruppe reden wir von Konzeptversuchsträgern
für die Motor-, Karosserie- und Fahrwerksentwicklung. Die
neuen Komponenten werden zum Teil noch in modifizierten Vorgängermodellen
erprobt. Im nächsten Schritt werden Karosserie, Motor und
Fahrwerk sozusagen miteinander verheiratet. Die Bauteile werden
aufgrund der Ergebnisse aus den Konzeptversuchsträgern
optimiert und fließen dann bereits verbessert in die nächste
Fahrzeuggruppe ein und werden im Zusammenhang analysiert, das
Gesamtfahrzeug
wird abgestimmt. Diesen Schritt führen wir mit unseren
Integrationsversuchsträgern durch.
Die Erkenntnisse aus der Erprobung mit den Integrationsversuchsträgern
und aus parallel laufenden Prüfstands-erprobungen fließen
dann in die erste Prototypen-Baugruppe ein, die bereits vollständig
im Produktionswerk gebaut wird. Wir gehen relativ früh
mit unseren Fahrzeug- und Motorbauten ins Werk, um sicherzustellen,
dass die M spezifischen Umfänge, und das sind nicht wenige,
auch im Werk wirklich prozesssicher funktionieren. In der nächsten
Phase wird dann mit den Fahrzeugen, die schon im Werk gebaut
wurden, die End- und Feinab-stimmung durchgeführt. Das
ist eine sehr wichtige Phase bei BMW M, denn zu diesem Zeitpunkt
lassen sich oft noch entscheidende Verbesserungen durch sorgfältigen
Feinschliff erreichen.
Könnten Sie noch genauer auf
das CAD eingehen wie genau wird hier vorgegangen?
Der Bauteilkonstrukteur beschafft sich zunächst von seinen
Bauteilnachbarn - das sind die Konstrukteure, die die benachbarten
Bauteile konstruieren - die CAD Modelle (Geometrien) der bereits
definierten Bauteile und konstru-iert sein Bauteil nun in den
zur Verfügung stehenden Bauraum. Das ist oft ein aufwendiger
Abstimmungsprozess zwischen den Konstrukteuren, da der Bauraum
sehr begrenzt ist. Beim neuen M3 war es zum Beispiel besonders
anspruchsvoll, das große Hinterachsgetriebe mit der integrierten
Variablen M Differenzialsperre unterzubringen. Dieser geometrische
Abgleich wird durch eine Package-Gruppe unterstützt, die
auch den virtuellen Musterbau durchführt. Das CAD ermöglicht
die Darstellung verschiedener Varianten in anschaulicher dreidimensionaler
Form und erspart so in der frühen Phase die Kosten für
einen aufwendigen Hardware-Musterbau.
Nach Festlegung der Geometrie stellt der Bauteilkonstrukteur
das CAD-Modell dieses Bauteils in eine CAD Biblio-thek ein,
aus der sich dann wiederum andere Konstrukteure und Lieferanten
bedienen können. Man darf sich aber von diesen modernen
Entwicklungstools nicht täuschen lassen. Entscheidend ist
immer noch der Sachver-stand des Konstrukteurs und Versuchsingenieurs
und nicht die schöne dreidimensionale, farbliche Darstellung
von Fahrzeugkomponenten.
Die fachliche Erfahrung und der Anspruch unserer Ingenieure,
Höchstleistung alltagstauglich mit guter Qualität
in Serie zu bringen, sind die Trumpfkarten von BMW M. Entscheidende
Faktoren bei der Fahrwerksauslegung sind die richtigen Achsgeometrien,
eine gezielte Abstimmung der Bauteil-Elastizitäten und
eine sorgfältige Lenkungs- und Feder/Dämpferauslegung.
Sie wirken sich direkt auf das subjektive Fahrgefühl des
Fahrers aus, wenn er um die Kurve fährt. Dieses Fahrgefühl
wird von unseren Versuchsingenieuren ganz gezielt abgestimmt.
Das Ergebnis, das wir dadurch erzielen, ließe sich allerdings
durch den Einsatz von Simulationsprogrammen allein nicht realisieren.
Das ist ein wichtiger Baustein bei der Fahrwerksentwicklung
bei BMW M: die Erfahrung unserer Versuchsingenieure und die
eng verzahnte Entwicklungsarbeit mit dem betreuenden Konstrukteur
am CAD-Schirm und mit dem erfahrenen Musterbauer und Mechaniker
in der Entwicklungswerkstatt.
Um die Kraft schließlich auf die Straße zu bringen,
sind nicht zuletzt gute Reifen wichtig. Ein toller Motor und
ein gutes Fahrwerk nützen ja nichts, wenn die Reifen die
Kraft nicht weitergeben können.
Jedes M Fahrzeug hat spezielle
Reifen. Wir bestellen nicht bei einem Reifenhersteller einfach
Reifen in einer bestimmten Größe. Jedes M Fahrzeug
bekommt seine speziell auf dieses Auto abgestimmten Reifen,
die den Anforderungen eines M Fahrzeugs standhalten müssen.
Bei Reifentests gibt es ein ganz strenges Lastenheft für
die Reifenentwicklung, denn ein Reifen ist ja ein Sicherheitsbauteil.
Es gibt für jedes Kriterium gezielte Fahrversuche. Entscheidend
ist auch hier die subjektive Fahrbeurteilung durch unseren Reifeningenieur.
Wir haben da einen erfahrenen Mann,
der seit Jahren Reifenentwicklung betreibt.
Ein weiteres wichtiges Kriterium ist ein hohes Kraftschlussniveau
zwischen Reifen und Fahrbahnoberfläche, sprich der Grip.
Das Ansprechverhalten des Reifens beim Seitenkraftaufbau bzw.
die Rückmeldung beim Anlenken aus der Lenkungsmitte spielt
eine große Rolle. Auch der Reibwert bei Nässe ist
sehr wichtig und natürlich das Übergangsverhalten
im Grenzbereich: Wie deutlich sagt mir der Reifen über
die Lenkung, in wel-chem fahrdynamischen Zustand sich das Fahrzeug
gerade befindet? Wie weit weg befinde ich mich vom Limit? Das
ist wichtig. Und auch die Geradeauslaufstabilität als Sicherheitskriterium.
Was
hat es mit der M Mobilität auf sich?
Die M Mobilität steht auf
drei Säulen:
1. das Reifen-Druck-Warnsystem RDW zeigt bei einem nennenswerten
Reifenfülldruckverlust dem Fahrer eine Warnung in dem Instrumentendisplay
an. So wird verhindert, dass eine große Strecke mit plattem
Reifen ge-fahren wird.
2. Unsere Extended Hump-Räder
stellen sicher, dass selbst bei plötzlichem Fülldruckverlust
der Fahrer das Fahrzeug sicher zum Stehen bringen kann.
3. Mit dem M Mobility System kann
das Loch im Reifen wieder abgedichtet werden. Man kann nach
Einfüllen der Dichtflüssigkeit die Fahrt bis zum nächsten
BMW Händler oder Reifendienst ohne Radwechsel fortsetzen.
Was
hat es mit diesem verlängerten Buckel, "Extended
Hump", genau auf sich?
Der Hump ist ja der Teil der Felge,
auf dem die Reifen aufsitzen. Durch eine besondere Hump-Kontur
wird sichergestellt, dass bei Druckverlust der Reifenwulst nicht
in das Tiefbett des Rades abrutscht und Sie nur auf den Felgenhörnern
fahren. So bleibt der Reifen außen auf dem Hump sitzen
und stützt sich noch ab und Sie können das Auto sicher
zum Stopp bringen. Wir nennen das unsere Safe-Stopp Philosophie.
Wie werden M Fahrwerke getestet?
Das ist im Prinzip so: Der Versuchsingenieur kennt nach ein
paar Wochen oder Monaten einen M3 in- und auswendig. Er ist
völlig verwachsen mit dem Auto. Unsere Reifentests werden
üblicherweise auf der Nord-schleife des Nürburgrings
durchgeführt. Da werden oft drei oder vier Chargen Reifen
pro Tag hintereinander
gefahren und verglichen. Nach dem gleichen Schema laufen Fahrwerksabstimmungen
ab. Federung, Dämpfung, Stabilisierung, Lenkungskennlinien
- das ist im Prinzip die Kernarbeit. Dem Versuchsingenieur gefallen
bestimm-te Dinge an bestimmten Punkten besonders gut. Und an
anderen Stellen manche Sachen eben noch nicht. Er muss immer
wieder fahren, sorgfältig beurteilen und dann eine Entscheidung
treffen, wie und in welche Richtung weitergearbeitet wird. Was
brauche ich für das optimale Fahrgefühl und eine hohe
Performance? Da ist es ganz entscheidend, wie gut, wie treffsicher
der Versuchsingenieur in der subjektiven Beurteilung ist.
Der Vergleich mit einem Orchester passt ganz gut: Der Versuchsingenieur
ist quasi der Dirigent und die verschiedenen Fahrwerksteile
sind die Instrumente innerhalb der Karosserie, die die Rolle
des Konzertsaales hat. Erst die richtige Abstimmung der Instrumente
in einem guten Konzertsaal macht eine tolle Musik.
Das
heißt, es gibt tatsächlich eine Person mit einer
konkreten Vorstellung. Und solange das Auto nicht genau ihrer
Vorstellung entspricht, wird noch weiter gearbeitet?
Im Prinzip schon. Wir machen dies
natürlich nicht ausschließlich von einem Menschen
abhängig, sondern auch die Vorgesetzten und die Kollegen
fahren das Auto und geben ihre Beurteilung ab. Es werden auch
gemeinsame Fahrten unternommen und es wird über die Performance
diskutiert. Der Ingenieur verarbeitet diese verschiede-nen Meinungen.
Natürlich sind wir hier bei M alle ähnlich ausgerichtet,
haben eine konkrete Vision von unseren M Fahrzeugen und deren
Fahrgefühl.
Alle
an der Entwicklung beteiligten Personen sind also auch Testfahrer?
So kann man sagen. Das ist entscheidend
bei der Ausbildung hier im Hause, die sichere Fahrzeugbeherrschung
und die treffsichere subjektive Fahrbeurteilung. Alles perfekt
hinzukriegen, die verschiedenen Meinungen der Leute abzudecken,
einen Kompromiss zu finden, der diesen verschiedenen Anforderungen
von verschiedenen Menschen auch gerecht wird. Bei uns hängt
alles von den Menschen, nicht von Maschinen ab. Unsere harten
Tests sollen sicherstellen, dass der Kunde nicht nur einen Hochleistungs-Sportwagen
besitzt, sondern ihn auch artgerecht bewegen kann, ohne Überraschungen
zu erleben.
Nehmen wir zum Beispiel Fahrer
von Ferraris oder Lamborghinis, die sind froh und stolz, dass
sie so ein Fahr-zeug besitzen. Aber eigentlich ist den meisten
das Auto viel zu schade, um es auch wirklich auszufahren. Das
gibt es bei unseren Autos seltener. Unsere Kunden sind anders.
Die nehmen den M3 wirklich am Wochenende zu Fahrertrainings
oder auf öffentliche Rennstrecken mit und fahren ihr Fahrzeug
wirklich voll aus sozusagen
Aus
Freude am Fahren. |